Tomas Rodriguez
Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 – das empfahl 2018 die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission. Für Deutschland, aber besonders für die Braunkohle-Regionen, bringt dieser Transformationsprozess wesentliche Veränderungen im Energiebereich, aber auch in Gesellschaft und Wirtschaft mit sich.
Der Herausforderung der Energiewende gestalten
Im Rheinischen Revier ist der Strukturwandel nicht nur ein Plan auf Papier, sondern eine Herausforderung, die im Alltag ankommt: in Schulen und Vereinen, in Rathäusern und Betrieben, in Fragen nach Energie, Mobilität, Flächennutzung und Zukunftschancen. Genau dort setzt unsere Begleitung an – mit Beteiligung, die nicht bei guten Gesprächen stehen bleibt, sondern Orientierung schafft und Ergebnisse in Prozesse und Entscheidungen überführt.
Aktuell arbeiten wir mit zwei Formaten, die sofort zeigen, worum es im Revier gerade geht: dem Bürgerrat und der Jugendbeteiligung. Mit dem Bürgerrat wird ein Raum geschaffen, in dem Zufallsbürger*innen komplexe Zukunftsfragen beraten können – qualifiziert, deliberativ und so angebunden, dass Empfehlungen nicht im Leeren verhallen. Unsere Aufgabe beginnt dort, wo die Weichen gestellt werden: bei der Themenfindung und dem Zuschnitt. Auf Grundlage des Ziel- und Meilensteinplans identifizieren Vertreter*innen der Landesregierung und der Zukunftsagentur Rheinisches Revier Themen, die einerseits politisch und administrativ anschlussfähig sind und andererseits echten Gestaltungsspielraum für Bürger*innenempfehlungen bieten. In einem ressortübergreifenden Präsenz-Workshop werden Vorschläge gesammelt, anhand klarer Kriterien bewertet und so aufbereitet, dass die paritätisch besetzte Vorbereitungsgruppe mit Zufallsbürger*innen mit einem belastbaren, transparenten Input starten kann. Die Vorbereitungsgruppe entscheidet dann gemeinschaftliche über das Thema des Bürgerrates. Der Bürgerrat tagt an 3 Wochenenden im Frühjahr und Sommer 2026.
Parallel dazu richtete sich der Blick auf die Perspektive, die im Strukturwandel oft zu spät gefragt wird: die der jungen Menschen. In den Pilotverfahren der Jugendbeteiligung geht es darum, Formate zu entwickeln, die niedrigschwellig sind, ernst nehmen und sichtbar machen, was Jugendliche im Revier bewegt – und was sie sich zutrauen. In Workshops und Dialogformaten wurden Zukunftsbilder, konkrete Bedarfe und Zielkonflikte bearbeitet: Lebensqualität vor Ort, Mobilität im Alltag, Ausbildung und Arbeit, Klima- und Umweltthemen, soziale Räume und Freizeit. Entscheidend war dabei nicht nur das „Dabeisein“, sondern die Übersetzung in verwertbare Ergebnisse: Wir bereiteten Rückmeldungen strukturiert auf, leiteten Handlungsoptionen ab und hielten Learnings fest, damit Jugendbeteiligung im Revier nicht bei einzelnen Aktionen bleibt, sondern als wiederholbarer Baustein wächst.
Diese beiden aktuellen Strängen – Bürgerrat und Jugendbeteiligung – entstehen aus einem roten Faden für die Gesamtbegleitung: Beteiligung braucht eine gemeinsame Richtung, klare Rollen und eine Infrastruktur, die Dialog und Transparenz dauerhaft möglich macht. Deshalb haben wir im ersten Schritt eine Beteiligungs- und Kommunikationsstrategie für das Rheinische Revier erarbeitet: als Leitplanke für Ziele, Zielgruppen, Qualitätskriterien, Governance und den Transfer von Ergebnissen in Verwaltung und Politik. Die Strategie macht sichtbar, wie unterschiedliche Formate zusammenwirken, wo Verantwortlichkeiten liegen und wie aus Beteiligung verlässliche Anschlussfähigkeit entsteht – ohne den Anspruch, alles auf einmal zu lösen, aber mit einer Roadmap, die Prioritäten setzt und Umsetzung ermöglicht.
Damit Beteiligung nicht nur punktuell stattfindet, sondern für Bürger*innen auffindbar und nachvollziehbar wird, wurde zudem eine Beteiligungsplattform aufgesetzt – als zentraler Einstiegspunkt für Information, Dialog und Beteiligung im Revier. Wir konzipierten Struktur und Inhalte, definierten redaktionelle Abläufe und Moderationsprozesse und begleiteten die Implementierung als Schnittstelle zwischen fachlichen Anforderungen und technischer Umsetzung. So wurde aus vielen einzelnen Vorhaben ein zusammenhängendes Angebot: verständlich, zugänglich und geeignet, Ergebnisse zu bündeln und weiterzugeben.
Im Ergebnis begleiten wir das Rheinische Revier nicht nur mit einzelnen Formaten, sondern mit einer integrierten Beteiligungsarchitektur, die digitale und analoge Beteiligung verbindet und auf die entscheidenden Zukunftsthemen einzahlt: Strukturwandel und regionale Entwicklung, Energie- und Klimafragen, Mobilität und Infrastruktur, Arbeit und Qualifizierung, Umwelt, Gesundheit und Lebensqualität – und nicht zuletzt die Frage, wie Beteiligung im Revier so gestaltet wird, dass Menschen Vertrauen fassen, sich einbringen und erleben, dass ihre Beiträge Wirkung entfalten. Genau das ist der Kern unserer Arbeit im Rheinischen Revier: Beteiligung als roter Faden, der aus vielen Stimmen ein gemeinsames Weiterkommen macht.
Was bisher geschah - unter pandemischen Bedingungen
Der Beteiligungsprozess zur gemeinschaftlichen Entwicklung des Rheinischen Reviers umfasste vielfältige Formate - von informativen Revier-Foren über Revier-Touren in den betroffenen Gemeinden zu interaktiven und kreativen Werkstatt-Veranstaltungen. Zudem wurde als beratendes Gremium eine Spurgruppe eingerichtet, bestehend aus Vertreter*innen der organisierten und nicht-organisierten Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik. Sie tagte mehrfach im Jahr. Das erste Spurgruppen-Treffen Mitte März 2020 war auch die erste Veranstaltung, die kurzfristig von Zebralog in Form einer Videokonferenz umgesetzt wurde. Von Mitte April bis Anfang Juni 2020 lief außerdem der ohnehin geplante Online-Dialog zu den Kernthemen des Wirtschafts- und Strukturprogramms.
Eine Auftakt-Veranstaltung mit Podiumsgesprächen ins Digitale zu verlagern - geht nicht? Das geht sehr wohl – wie die erfolgreiche Durchführung des Digitalen Revier-Forums am 12. Mai bewiesen hat. Weit mehr als 200 Zuschauer*innen schalteten an diesem Abend ein – doppelt so viele wie beim Forum vor Ort zu erwarten wären. In Form einer Video-Konferenz führten die Zebras durch den Abend und sprachen mit Expert*innen zum WSP und dem Beteiligungsprozess. Die Videokonferenz wurde live auf der Dialoginsel von Zebralog gestreamt, wo die Zuschauer*innen ihre Fragen und Beiträge an das Podium in einem Chat stellen konnten.
Inzwischen liegt eine partizipativ erarbeitete "Bürgerbeteiligungscharta Rheinisches Revier" vor. Sie ist das Leitbild für den weiteren Prozess der Öffentlichkeitsbeteiligung und inzwischen auch als wichtiger Bestandteil in das Wirtschafts- und Sozialstrukturprogramm des Landes NRW eingeflossen.
Projektteam und Mitwirkende
Rebecca Peters
Dr. Malte Steinbach
Alicia Speckmann
Ilka von Eynern