Wessen Sicherheit zählt?

Dario sucht nach neuen Wegen, über Sicherheit in der Stadt zu sprechen

Ein Beitrag von Dario Pösse

Unser Kollege Dario beschäftigt sich damit, wie wir besser über Sicherheit in der Stadt sprechen können ohne Menschen vorschnell zum Problem zu machen. Im Interview geht es um öffentliche Räume, soziale Ungleichheit und die Frage, wie Beteiligung Perspektiven einbeziehen kann, die sonst oft fehlen.

Auf einem Stadtplan stehen farbige, beschriftete Moderationskarten mit Hinweisen zu Orten, Wegen und Verkehrssituationen im Quartier. Im Hintergrund stehen mehrere Teilnehmende unscharf um den Tisch. Die Nahaufnahme zeigt, wie Rückmeldungen aus einer Beteiligungswerkstatt direkt auf dem Plan sichtbar gemacht werden.
Beteiligung wird dort besonders spannend, wo gesellschaftliche Konflikte im Alltag spürbar werden

Dario interessiert Beteiligung besonders an Orten, an denen gesellschaftliche Konflikte konkret werden. Nicht abstrakt, nicht nur in politischen Debatten, sondern dort, wo Menschen im Alltag aufeinandertreffen: auf Plätzen, in Parks, auf Straßen und an anderen öffentlichen Orten.

„Ich nähere mich dem Thema der sozialen Gerechtigkeit über Räume“, sagt Dario. „An diesen Orten zeigen sich gesellschaftliche Konflikte.“

Ein Spielplatz ist beispielsweise nie nur ein Spielplatz. Hier zeigt sich, wessen Anwesenheit als Problem gilt: Kinder spielen laut. Jugendliche nutzen den Ort ebenfalls. Dadurch meiden manche Kinder den Platz. Oder obdachlose Menschen halten sich dort auf, weil sie keinen anderen Aufenthaltsort haben.

Für Dario sind das Räume, in denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden. Dort zeigen sich soziale Probleme, die wir als Gesellschaft oder als Stadtgesellschaft haben. Viele Menschen diskutieren diese Konflikte unter dem Begriff „Sicherheit“. So war es in seiner Masterarbeit, und so begegnet ihm das Thema auch in Projekten wie den „Stadtdenker:innen“ in Krefeld.

Genau daran setzt sein Interesse an: Können wir für solche Situationen andere Zugänge schaffen? Können wir Räume für Gespräche schaffen? Können wir dort über Angst, Unsicherheit und Nutzungskonflikte sprechen? Können wir zugleich die sozialen Ursachen thematisieren? Und können wir dabei vermeiden, direkt in diskriminierende Zuschreibungen zu gehen?

Im besten Fall, sagt Dario, kommt man mit den Menschen ins Gespräch, die diese Orte nutzen. Nicht nur über Menschen sprechen, sondern mit ihnen. Das gelingt nicht immer. Aber genau darin liegt für ihn ein wichtiger Anspruch von Beteiligung.

Beteiligung macht sichtbar, was sonst nicht zur Sprache kommt

Beteiligung macht aus Darios Sicht unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Gerade dann, wenn es keine einfachen Antworten gibt.

Häufig läuft Beteiligung so, dass Fachbereiche bestimmte Lösungen mitbringen. Da muss eine Beleuchtung hin oder hier muss mehr durch die Polizei und das Ordnungsamt bestreift werden. An anderer Stelle soll ein Platz anders gestaltet werden. Dario interessiert, wie Menschen unterschiedliche Ansätze diskutieren.

In Krefeld zum Beispiel wurde deutlich: Die üblichen Lösungen passen vielleicht nicht überall. Also ging es darum, genauer hinzuschauen. Wo fühlen sich Menschen besser? Wo schlechter? Wie bewerten sie unterschiedliche Maßnahmen?

Die Beteiligten brachten Vorschläge ein und diskutierten sie gemeinsam. Zum Beispiel die Idee eines Safe Space: ein Ort oder eine Telefonnummer, an die man sich wenden kann, wenn man sich unsicher fühlt. Oder ein Team, das unterstützen kann. Oder auch die Frage, ob ein Platz nachts abgeschlossen werden sollte. Für die Verwaltung überraschend sprachen sich die anwesenden Bürger*innen gegen das nächtliche Abschließen des Platzes aus.

Gerade an solchen Punkten wird Beteiligung konkret. Denn dann kommen Rückmeldungen von Menschen, die den Ort kennen und nutzen. Manche sagen dann: Für diesen Ort ist das keine gute Lösung, hier brauchen wir etwas anderes. Dadurch entstehen neue Ideen, die ohne diesen Austausch fehlen würden.

Junger mann, braune, schulterlange Haare, schwarzes Poloshirt

Wer öffentliche Räume plant, muss auch fragen: Wer wird gehört, wer fehlt und wer wird verdrängt?

Dario Pösse
Berater im Fachbereich Stadt- und Regionalentwicklung
Über Sicherheit sprechen heißt auch, über Zuschreibungen zu sprechen

Wer über Angst, Sicherheit und Verdrängung spricht, muss einfache Zuschreibungen vermeiden. Das sagt Dario sehr deutlich. Das Thema hat viele Ebenen.

Dario will möglichst viele Perspektiven einbeziehen. Gruppen, die einen Ort nutzen, müssen für sich selbst sprechen können. Gleichzeitig braucht es Grenzen. Wenn rassistische Zuschreibungen oder andere diskriminierende Aussagen fallen, dann ist das eine Grenze.

Das Gespräch endet damit nicht. Für Dario geht es darum, trotzdem zu verstehen: Was steckt eigentlich dahinter? Was passiert da? Sind es Ängste? Wie entstehen diese Ängste?

Wenn jemand zum Beispiel Angst vor Männergruppen hat, dann ist dieses Gefühl erst einmal da. Es kann eine reale Erfahrung oder ein reales Unsicherheitsgefühl dahinterstehen. Die Beteiligten müssen genauer hinschauen: Worum geht es wirklich? Welche Situation wird beschrieben? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Und welche Antworten sind möglich, ohne bestimmte Gruppen pauschal als Problem zu markieren?

Eine Patentlösung gibt es dafür nicht. Öffentliche Räume sind soziale Räume. Unterschiedliche Menschen wollen und sollen sich dort aufhalten können. Beteiligung kann helfen, ein Miteinander zu verhandeln, aber sie muss dabei sorgfältig gestaltet sein.

Wessen Sicherheit meinen wir eigentlich?

Dario stört, dass in Debatten über sogenannte „unsichere Orte“ bestimmte Perspektiven oft fehlen. Schon das Wort „unsicher“ ist eine Zuschreibung aus einer bestimmten Perspektive. Ein Ort, der für die eine Person unsicher wirkt, kann für eine andere Person ein wichtiger Aufenthaltsort oder sogar ein Safe Space sein.

Dario vermisst besonders oft die Perspektiven obdachloser Menschen. Sie kommen in Beteiligungsverfahren oft nicht vor. Ihre Erfahrungen sind wichtig, wenn Menschen über öffentliche Räume, Nutzungskonflikte und Sicherheit sprechen.

Auch migrantische Perspektiven fehlen häufig. Also die Perspektiven der Gruppen, über die gesprochen wird. Menschen, denen zugeschrieben wird, dass sie Unsicherheit auslösen. Menschen, deren Anwesenheit als störend oder bedrohlich wahrgenommen wird. Genau diese Gruppen sind in Beteiligung aber oft kaum vertreten.

Für Dario ist das ein zentrales Problem. Wenn über Sicherheit gesprochen wird, ohne diejenigen einzubeziehen, die von Sicherheitsmaßnahmen, Verdrängung oder Zuschreibungen besonders betroffen sind, bleibt die Debatte einseitig. Dann schafft Beteiligung keine Gerechtigkeit.

Aufsuchende Formate können Alltagserfahrungen zugänglich machen

Ein möglicher Zugang sind für Dario aufsuchende Formate. Dario hofft, Alltagserfahrungen besser zu verstehen und Perspektiven einzubeziehen, die sonst fehlen.

Wie gut das gelingt, ist für ihn eine offene Frage. Es braucht Erfahrung aus der Praxis: Wie erreicht man Menschen wirklich? Was ist sinnvoll? Was funktioniert? Welche Ansprache passt? Welche Orte eignen sich? Und welche Formate schaffen tatsächlich Vertrauen?

Trotzdem sieht Dario großes Potenzial. Besonders interessiert ihn das gemeinsame Ausprobieren. Also nicht nur theoretisch über mögliche Lösungen zu sprechen, sondern etwas temporär zu testen, sichtbar zu machen und dann Rückmeldungen von den Menschen zu bekommen, die betroffen sind.

Hier kommen für ihn auch Reallabore ins Spiel. Sie machen Veränderungen konkret erlebbar. Zum Beispiel an einem Ort, der einen schlechten Ruf hat. Was passiert, wenn dort ein Angebot entsteht? Wenn Aufenthaltsmöglichkeiten geschaffen werden? Wenn neue Spielelemente ergänzt werden? Wenn Menschen eingeladen werden, einen Ort anders zu nutzen?

Solche Versuche können zeigen, welche Alternativen es zu Kontrolle, Verdrängung oder Schließung gibt.

Eine gerechte Stadt braucht Räume ohne Konsumzwang

Was bedeutet für Dario eine gerechte Stadt? Die Antwort ist nicht einfach. Viele Ungerechtigkeiten, die sich in der Stadt zeigen, entstehen nicht nur auf kommunaler Ebene. Die Stadt kann nicht alle gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten lösen.

Aber sie kann unterschiedliche Bedürfnisse sichtbar machen und ernst nehmen. Sie kann fragen: Wer nutzt den Raum? Wer kann ihn nutzen? Wer wird verdrängt? Wer kommt in Entscheidungen vor und wer nicht?

Dario stellt sich eine Stadt vor, in der es mehr Räume nach dem Common-Gedanken gibt. Orte, an denen man einfach sein kann, ohne Konsumzwang. Orte, an denen Menschen tun können, was sie interessiert: Sportveranstaltungen, eine Küfa (also eine Küche für alle) oder andere offene Angebote. Räume, die für Menschen zugänglich sind. Indoor und outdoor. Räume, die gestaltet werden können.

Gleichzeitig muss diese Stadt auf den Klimawandel vorbereitet sein. Sie braucht Stadtmöbel, Grün, Wasser und öffentliche Räume, in denen man sich auch in den nächsten Jahren noch aufhalten kann. Und sie braucht Möglichkeiten, klimafreundlich von A nach B zu kommen.

Für Dario ist Klimaanpassung deshalb auch ein Gesundheitsthema. Städte müssen sich verändern. Nur dann können Menschen sich auch in den nächsten 10 bis 15 Jahren gut im Freien aufhalten und bewegen.

Begegnung kann Sicherheit schaffen

Sicherheit entsteht für Dario nicht nur durch Kontrolle. Er nimmt wahr, dass bewachende und sanktionierende Ansätze in Stadtzentren zunehmen. Dem stellt er eine andere Idee gegenüber: Sicherheit kann auch daraus entstehen, wie Räume gestaltet, genutzt und im Alltag miteinander geteilt werden. 

Dario glaubt, dass belebte, gemischt genutzte Räume durch informelle soziale Kontrolle Sicherheit schaffen können. Dafür braucht es Orte, an denen Menschen miteinander in Kontakt kommen und gemeinsam aushandeln, wie ein Raum genutzt werden kann. Damit knüpft er an einen Gedanken der Stadtforscherin Jane Jacobs an: Soziale Sicherheit entsteht durch belebte Straßen, alltägliche Präsenz und „eyes on the street“. Also dadurch, dass Menschen einen Ort nutzen, wahrnehmen und Verantwortung füreinander übernehmen.

Das ist keine einfache Antwort. Aber es ist eine andere Richtung als Verdrängung oder reine Ordnungspolitik.

Junger mann, braune, schulterlange Haare, schwarzes Poloshirt

Eine gerechte Stadt braucht Orte, an denen Menschen einfach sein können.  Ohne Konsumzwang und ohne Verdrängung.

Dario Pösse
Berater im Fachbereich Stadt- und Regionalentwicklung
Verwaltung, Politik und Planung müssen Perspektiven aktiv reinholen

Damit Städte gerechter werden, müssen Verwaltung, Politik und Planung ihre Haltung verändern. Entscheidungspersonen müssen die Vielfalt von Perspektiven anerkennen. Und sie müssen sich klarmachen: Die eigene Lebensrealität ist eine bestimmte Lebensrealität — aber nicht die einzige.

Es gibt Menschen, denen es nicht so gut geht. Menschen mit Daily Struggles. Menschen, die nicht einfach zu einer Veranstaltung kommen können, bei der über diese Fragen diskutiert wird. Verwaltung und Politik müssen diese Perspektiven hören und einbeziehen.

Im besten Fall entstehen Formate, deren Ergebnisse nachher auch umgesetzt werden. Für Dario ist das eine Einstellungsfrage: anzuerkennen, dass die eigene Perspektive nur eine von vielen ist. Und die Perspektiven, die man selbst nicht abbilden kann, aktiv reinzuholen.

Aus Osnabrück kennt er Beispiele, in denen Entscheidungspersonen den Mut hatten, andere Perspektiven aufzunehmen und Anschlussfähigkeit herzustellen. Genau diesen Mut braucht es häufiger.

Die offene Frage bleibt: Wie sprechen wir besser über Sicherheit?

Warum beschäftigt Dario dieses Thema so sehr? Weil er die Debatten als ungerecht wahrnimmt. Viele Menschen diskutieren Sicherheit, Stadtentwicklung und Repräsentativität aus einer privilegierten Perspektive. Gleichzeitig gibt es Menschen, die sehr konkret von Sicherheitsmaßnahmen, Verdrängung oder Zuschreibungen betroffen sind.

Er nimmt wahr, dass sich der Umgang verändert: Statt sozialer und bestärkender Antworten gewinnen kontrollierende und sanktionierende Maßnahmen an Gewicht. Dabei werden oft die Menschen übersehen, die einen Ort tatsächlich nutzen und Verdrängung kann die Folge sein. Dario setzt dem konkrete Aushandlung vor Ort entgegen. Prozesse, die von konkreten Räumen ausgehen, die Menschen vor Ort einbeziehen und gemeinsam danach fragen, welche Formen von Nutzung, Begegnung und Verantwortung möglich sind.

Am Ende bleibt für Dario eine Frage, die er in seiner beruflichen Praxis weiterverfolgen möchte: Wie können wir besser über Sicherheit sprechen, wenn wir von den konkreten Räumen und Menschen ausgehen, um die es geht?

Einfache Antworten gibt es darauf nicht. Gerade deshalb sucht Dario nach Wegen, Sicherheit nicht nur über Kontrolle, sondern über Nutzung, Begegnung und gemeinsame Verantwortung zu denken.

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