Vier Minuten, in denen keiner antwortet

Was passiert, wenn Beteiligungsprofis selbst zu Teilnehmenden werden?

Ein Beitrag von den Zebras

Wir haben die Methode „sprechen & zuhören“ ausprobiert und dabei einiges über Zuhören, Demokratie und unsere eigene Arbeit gelernt.

Auf einem Holtboden liegen ca. 20 gelbe Zettel, handbeschriftet

Vier Minuten sprechen. Niemand unterbricht. Niemand antwortet. Und danach ist erst einmal die nächste Person dran. Für uns war das ungewohnt. Wir gestalten beruflich Gespräche, moderieren Diskussion, strukturieren Konflikte und überlegen ziemlich genau, wann welche Methode zu welchem Prozess passt. Methoden selbst zu erleben, ohne gleichzeitig einen Prozess steuern zu müssen, passiert dagegen nicht besonders oft.

Anders war es bei unserer internen Schulung mit Anja Stiel. Mitgebracht hatte sie „Sprechen & Zuhören“ und eine Frage, bei der uns schnell klar wurde, dass es heute nicht bei einer Methodenübung bleibt: 

Wie geht es dir mit der gelebten Demokratie in Deutschland?

 

Sprechen, ohne überzeugen zu müssen

Wir saßen in kleinen Gruppen zu viert zusammen. Eine Person sprach vier Minuten aus der eigenen Perspektive zu der Frage. Die anderen hörten zu. Keine Nachfragen, keine Gegenargumente, keine unmittelbaren Reaktionen Dann wechselte die sprechende Person. Insgesamt durchliefen wir drei Runden.

Klingt simpel. Im Erleben veränderte die klare Rollenverteilung einiges.

Weißer Mann Mitte 30, dunkleblonde lockige Haare, Bart, Brille

Durch das abwechselnde Sprechen und Zuhören hat sich eine besonders tiefe Gesprächsatmosphäre gebildet. Es war sehr ruhig, weil immer klar war, wer gerade spricht. Gleichzeitig hatte ich beim Sprechen genug Zeit, meine Gedanken überhaupt erst zu ordnen und weiterzuentwickeln.

Sebastian Unger
Senior-Berater im Fachbereich Stadt- und Regionalentwicklung

Vier Minuten können lang sein, wenn niemand nachfragt und kein*e Gesprächspartner*in den nächste Gedanken liefert. Man muss nicht sofort auf eine andere Position reagieren oder ein Argument formulieren. Stattdessen bleibt Zeit, dem eigenen Gedanken nachzugehen.

Beim Zuhören passierte etwas Ähnliches: Wer weiß, dass die eigene Antwort nicht gleich gefragt ist, hört anders zu. Positionen müssen nicht unmittelbar bewertet, eingeordnet oder widerlegt werden. 

Sebastian nahm noch etwas anderes aus der Runde mit: Andere äußerten Gedanken, von denen er vorher angenommen hatte, damit eher allein zu sein.

 

Wie verändert Zuhören einen Konflikt?

„Sprechen & Zuhören“ setzt bewusst bei der persönlichen Erfahrung an. Die Fragen beginnen deshalb beispielsweise mit „Wie geht es dir mit…?“ oder „Wie fühlst du dich mit…?“. Das Gespräch startet nicht bei der besseren Begründung oder der fachlich stärkeren Position, sondern bei dem, was ein Thema mit den einzelnen Personen macht.

Das finden wir mit Blick auf konfliktreiche Beteiligungsprojekte interessant. Denn in vielen Verfahren erleben wir einen starken Druck, möglichst schnell in die Diskussion zu kommen. Argumente austauschen, Interessen abwägen, Lösungen finden, Aufgaben verteilen. Das ist notwendig. Gleichzeitig kann dabei verloren gehen, warum Menschen bestimmte Positionen überhaupt vertreten und welche Erfahrungen dahinterstehen. 

„Sprechen & Zuhören“ löst den Konflikt nicht. Die Methode trifft auch keine Entscheidung und ersetzt keine Aushandlung. Sie kann aber einen anderen Ausgangspunkt für die weitere Diskussion schaffen. Erst verstehen, was die anderen beschäftigt, den Konfliktgegenstand verstehen und anschließend darüber streiten, was daraus folgt.

Weißer Mann Ende 30, kurze braune Haare, weißes Hemd, blaues Sakko

Die Methode ermöglicht zwei Dinge, die in Beteiligungsveranstaltungen nicht einfach zu erreichen sind: tief in ein Thema einzusteigen und gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Ich kann mir gut vorstellen, sie künftig als Einstieg in einen Prozess einzusetzen.

Malte Steinbach
Leitung Fachbereich Mobilität und Verkehrsinfrastruktur
Ein gutes Gespräch reicht noch nicht

Unsere Runde führte uns schnell über die Methode selbst hinaus. Wir diskutierten darüber, was Beteiligung als Teil demokratischer Prozesse eigentlich leisten muss.

In Beteiligung erleben Teilnehmende Demokratie sehr konkret. Wer bekommt Raum? Wer hört wem zu? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Positionen um? Und mindestens ebenso wichtig: Was passiert anschließend mit dem, was Menschen eingebracht haben?

Eine Methode wie „Sprechen & Zuhören“ kann dabei helfen, einen Gesprächsraum zu verändern. Gute Beteiligung entscheidet sich für uns aber nicht allein darin, ob Menschen einen intensiven Abend miteinander hatten.

Die Ergebnisse müssen anschlussfähig sein. Von Anfang an muss klar sein, welche Entscheidungen überhaupt offen sind, wie Beiträge weiterverarbeitet werden und wo fachliche, administrative oder politische Grenzen liegen. Und nach einer Beteiligung muss nachvollziehbar werden, was mit den eingebrachten Perspektiven passiert.

Denn auch das prägt die Erfahrung von Demokratie: ob Menschen erleben, dass ihre Stimme zwar angehört wurde oder dass sich jemand ernsthaft mit ihr auseinandersetzt.

Weiße Frau Anfang 30, lange braune Haare, schwarzes Oberteil

Gute Beteiligung öffnet Räume zum Sprechen, zum Zuhören, zum Aushalten unterschiedlicher Perspektiven und zum gemeinsamen Weiterdenken. Entscheidend ist aber auch, was danach mit dem Gesagten geschieht.

Ilka von Eynern
Senior-Beraterin im Fachbereich Stadt- und Regionalentwicklung

Wir nehmen uns regelmäßig Zeit, neue Methoden gemeinsam zu erproben. Nicht nur, um unseren Werkzeugkoffer möglichst voll zu bekommen. Sondern vor allem, um einschätzen zu können, was eine Methode kann, wann sie passt und wann nicht.

Beim „Sprechen & Zuhören“ haben wir erlebt, wie ungewohnt es sein kann, mehrere Minuten einfach nur zuzuhören. Wie Gedanken entstehen können, wenn sie nicht sofort verteidigt werden müssen. Und wie viel eine klare Gesprächsstruktur an der Atmosphäre verändert.

Wir haben Ihr Interesse geweckt?

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