Unsichtbares sichtbar machen

Fünf Erkenntnisse aus sechs Stadtforen zu Berlins Infrastrukturen

Ein Beitrag von Sarah Ginski-Thiele

Was hält eine Stadt eigentlich am Laufen, auch dann, wenn wir es im Alltag kaum sehen? In sechs Stadtforen Berlin haben wir gemeinsam mit Fachleuten aus Verwaltung, Planung, Politik, Wissenschaft, Infrastrukturunternehmen und Stadtgesellschaft genau diese Zusammenhänge in den Blick genommen.

Zwei Hände halten den Infoflyer zum Stadtforum "Infraastrukturen zusammendenken".

Manche Themen der Stadtentwicklung liegen auf der Hand. Wohnen zum Beispiel. Verkehr. Öffentlicher Raum. Grünflächen. Es sind Themen, zu denen viele Menschen einen unmittelbaren Bezug haben und zu denen entsprechend viel gesagt, gestritten und verhandelt wird.

Andere Themen sind mindestens genauso wichtig, stehen aber deutlich seltener im Rampenlicht. Technische, soziale und ökologische Infrastrukturen, von Wasser und Energie über Schulen und soziale Einrichtungen bis zu grünen und blauen Netzen, sichern das Funktionieren der Stadt. Sie konkurrieren um knappe Flächen, sind voneinander abhängig und werden dennoch häufig in getrennten Zuständigkeiten geplant. Sichtbar werden sie oft erst, wenn sie fehlen, überlastet sind oder miteinander in Konflikt geraten.

Genau hier setzte die jüngste Reihe des Stadtforums Berlin an. Im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen begleitete Zebralog sechs Veranstaltungen konzeptionell, organisatorisch und kommunikativ. Die Foren nahmen nacheinander Wasser, urbanes Grün, Kreislaufwirtschaft, soziale Infrastruktur und Energie in den Blick. Im abschließenden Stadtforum ging es darum, diese Systeme zusammenzudenken und ihre Wechselwirkungen auf der Ebene von Quartieren und konkreten Projekten sichtbar zu machen.

Unser wichtigstes Learning aus der Reihe: Fachwissen allein verbindet noch keine Systeme. Dafür braucht es bewusst gestaltete Räume, in denen unterschiedliche Zuständigkeiten, Erfahrungen und Perspektiven produktiv aufeinandertreffen.

Ein traditionsreiches Format mit neuem Profil

Das Stadtforum Berlin hat eine lange Tradition. Seit den 1990er Jahren wird es genutzt, um über aktuelle Fragen der Stadtentwicklung zu diskutieren. Dabei hat sich das Format immer wieder verändert – mit den politischen Schwerpunkten der jeweiligen Stadtentwicklungspolitik, mit neuen Herausforderungen der Stadt und mit veränderten Erwartungen an Dialog und Beteiligung.

Für die nun abgeschlossene Reihe galt es, ein eigenes Profil zu finden. Der Anspruch war nicht, erneut jene großen, oft besprochenen Leitthemen der Stadtentwicklung zu verhandeln, zu denen Positionen, Konfliktlinien und Argumente vielfach ausgetauscht sind. Stattdessen rückten Themen in den Fokus, die in der öffentlichen Debatte häufig weniger Aufmerksamkeit erhalten: Infrastrukturen, die im Alltag selbstverständlich erscheinen, in Planung und Umsetzung aber hochkomplex sind.

Damit erhielt das Stadtforum einen deutlichen fachlichen Schwerpunkt. Es brachte Menschen zusammen, die aus unterschiedlichen institutionellen und praktischen Perspektiven an Berlins Infrastrukturen arbeiten: aus Verwaltung und Politik, Planung und Architektur, Wissenschaft und Praxis, Bezirken, Infrastrukturunternehmen, landeseigenen Unternehmen, Fachinstitutionen und Stadtgesellschaft.

Der Anspruch war: nicht nur Probleme beschreiben, sondern Lösungsräume öffnen. Nicht nur Zuständigkeiten nebeneinanderstellen, sondern Schnittstellen sichtbar machen. Nicht nur über Infrastruktur sprechen, sondern diejenigen miteinander ins Gespräch bringen, die Infrastruktur planen, bauen, betreiben und weiterdenken.

Blonde Frau, schwarze Bluse, dunkelgrüner Blazer

Infrastrukturen prägen unseren Alltag oft unsichtbar. Umso wichtiger sind Formate, die ihre Wechselwirkungen verständlich machen und die richtigen Menschen miteinander ins Gespräch bringen.

Dr. Sarah Ginski-Thiele
Leitung Fachbereich Stadt- und Regionalentwicklung

Fachdialog ist auch Beteiligung

Für uns als Beteiligungsagentur war die Konzeption eines solchen Fachdialogs eine besondere Aufgabe. Beteiligung wird häufig mit Bürgerdialog, breiter Öffentlichkeit oder klassischer Partizipation verbunden. Das ist wichtig, aber Beteiligung kann mehr sein.

Auch Fachdialoge brauchen gute Beteiligung. Vielleicht sogar besonders gute. Denn hier treffen Menschen aufeinander, die viel wissen, viel Erfahrung mitbringen und häufig klare Perspektiven vertreten. Gleichzeitig kommen sie aus unterschiedlichen Systemen: aus Verwaltung und Wirtschaft, aus Politik und Planung, aus technischer Infrastruktur und räumlicher Stadtentwicklung.

Die zentrale konzeptionelle Frage lautete deshalb immer wieder: Wie schaffen wir einen Rahmen, in dem Fachleute nicht nur nacheinander sprechen, sondern wirklich miteinander ins Denken und Arbeiten kommen?

Dafür braucht es Balance. Zwischen klarer Struktur und Beweglichkeit. Zwischen konzentrierten Impulsen auf der Bühne und ausreichend Zeit für Gespräche im Raum. Gute Fachdialoge dürfen den Beteiligten einen Perspektivwechsel zumuten. Sie müssen diesen Wechsel aber methodisch so unterstützen, dass daraus produktiver Austausch statt Überforderung entsteht.

Eine Fachveranstaltung darf anspruchsvoll sein. Sie muss aber zugleich so gestaltet sein, dass Menschen Lust bekommen, sich einzubringen. Auch nach einem langen Arbeitstag, auch bei komplexen Themen und jenseits der eigenen Zuständigkeit.

 

Die Zusammensetzung des Raums ist Teil der Methode

Besonders wertvoll war die Mischung der Teilnehmenden. In den Veranstaltungen kamen Menschen aus Stadtplanung, Architektur, Verwaltung, Politik, Wissenschaft, Infrastrukturunternehmen und Planungspraxis zusammen. Gerade diese Mischung machte die Gespräche interessant.

Denn die Infrastrukturfragen der Stadt lassen sich nicht in einzelnen Silos lösen. Wasser hängt mit Stadtklima zusammen. Energie mit Flächen. Soziale Infrastruktur mit Wohnungsbau. Kreislaufwirtschaft mit Standortfragen. Grün-blaue Infrastruktur mit Gesundheit, Aufenthaltsqualität und Resilienz.

Ein Schulhof kann nicht nur Bildungsort und Freifläche sein, sondern zugleich Schatten bieten und Regenwasser aufnehmen. Ein Dach kann Strom erzeugen, Wasser speichern und einen Beitrag zum Stadtklima leisten. Eine Straße dient nicht nur der Mobilität, sondern ist auch Aufenthaltsraum, Versorgungsraum und Teil eines grünen Netzes.

Solche Mehrfachnutzungen klingen auf dem Papier oft selbstverständlich. In der Planung treffen dabei jedoch unterschiedliche Zuständigkeiten, Zeitpläne, Finanzierungslogiken und fachliche Anforderungen aufeinander. Genau deshalb ist die Zusammensetzung eines Fachdialogs nicht bloß eine organisatorische Frage. Sie ist Teil der Methode.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Menschen nehmen teil? Sondern auch: Welche Perspektiven und Verantwortungsebenen sind im Raum vertreten – und welche fehlen?

 

Austausch braucht eine Dramaturgie

Ein Fachdialog muss die Verbindungen zwischen den Systemen nicht nur benennen, sondern erfahrbar machen. Dafür reicht es nicht, eine Reihe guter Vorträge zu organisieren und anschließend Fragen aus dem Publikum zu sammeln.

Die Stadtforen verbanden deshalb unterschiedliche Formate: kurze fachliche Impulse, moderierte Gespräche, Dialogstationen, gemeinsame Auswertungen und kleinere Austauschmomente. Die Formate erfüllten jeweils unterschiedliche Funktionen. Fachliche Inputs schufen eine gemeinsame Grundlage. Gespräche in kleineren Gruppen ermöglichten es, Erfahrungen zu teilen und Widersprüche sichtbar zu machen. Im Plenum konnten zentrale Erkenntnisse zusammengeführt und offene Fragen geschärft werden.

Diese Dramaturgie war besonders bei komplexen Themen wichtig. Denn wer den ganzen Tag mit einer bestimmten fachlichen oder institutionellen Perspektive arbeitet, wechselt diese nicht automatisch, nur weil Menschen aus anderen Bereichen mit im Raum sitzen. Perspektivwechsel braucht Anlässe, Zeit und eine klare Struktur.

 

Warum Murmelrunden manchmal mehr bewirken als Podien

Ein kleines Beispiel dafür waren die Murmelrunden, die wir in die Stadtforen integriert haben. Auf den ersten Blick ist das kein spektakuläres Format: Menschen sprechen für wenige Minuten mit ihren Sitznachbar*innen, bevor die Diskussion im größeren Raum weitergeht.

Und genau das stieß anfangs auch auf Skepsis. Kann man Fachleute in einer großen Veranstaltung einfach miteinander reden lassen? Was soll dabei herauskommen? Verliert man dadurch nicht Zeit?

Unsere Erfahrung war eine andere. Gerade diese kurzen Gesprächsmomente gehörten häufig zu den lebendigsten Teilen der Veranstaltungen. Sie gaben den Teilnehmenden die Möglichkeit, das Gehörte unmittelbar einzuordnen, eigene Erfahrungen anzuschließen und Fragen zu schärfen. Aus vielen Murmelrunden entstanden anschließend präzisere Beiträge, bessere Rückfragen und offenere Diskussionen.

Das zeigt etwas Grundsätzliches: Gute Beteiligung muss nicht immer groß inszeniert sein. Manchmal reicht ein gut gesetzter Moment, um aus Publikum Teilnehmende zu machen.

Entscheidend ist dabei nicht die Methode allein. Eine Murmelrunde ist nicht automatisch gut, nur weil Menschen miteinander sprechen. Sie braucht eine klare Frage, einen passenden Zeitpunkt und eine erkennbare Verbindung zum weiteren Verlauf. Richtig eingesetzt kann sie jedoch etwas ermöglichen, das auf einem Podium nur schwer entsteht: eine erste persönliche Übersetzung des Gehörten in die eigene Praxis.

Blonde Frau, schwarze Bluse, dunkelgrüner Blazer

Gute Fachdialoge schaffen mehr als Austausch: Sie machen Zusammenhänge sichtbar, bringen Zuständigkeiten zusammen und öffnen neue Räume für gemeinsames Handeln.

Dr. Sarah Ginski-Thiele
Leitung Fachbereich Stadt- und Regionalentwicklung

Vernetzung ist ein Ergebnis – aber noch keine Umsetzung

Nach sechs Stadtforen bleibt für uns vor allem eine Erkenntnis, dass Fachdialoge viel mehr sein können als Informationsveranstaltungen. Sie können Orte sein, an denen fachliche Perspektiven zusammenfinden, ein gemeinsames Verständnis von Problemen entsteht und neue Verbindungen zwischen Institutionen und Personen geknüpft werden.

Gleichzeitig haben auch gute Dialogformate Grenzen. Sie können Zuständigkeiten nicht auflösen, fehlende Ressourcen nicht ersetzen und notwendige politische oder planerische Entscheidungen nicht vorwegnehmen. Neue Kontakte, ein gemeinsames Vokabular und ein besseres Verständnis der Wechselwirkungen sind wichtige Voraussetzungen. Wirksam werden sie aber erst, wenn sie in Planungsprozesse, Arbeitsstrukturen und konkrete Projekte einfließen.

Gerade deshalb ist die Frage nach dem Danach zentral. Wie lassen sich die im Dialog entstandenen Verbindungen verstetigen? Wie können Erkenntnisse in bestehende Verfahren einfließen? Und wie wird aus einem gemeinsamen Problemverständnis schrittweise gemeinsames Handeln?

 

Was bleibt

Gute Kommunikation ist nicht nur dort wichtig, wo Themen bereits öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Sie ist dort gefragt, wo Aufgaben komplex, Zuständigkeiten verteilt und Zusammenhänge nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.

Das Stadtforum Berlin hat dafür einen Rahmen geschaffen. Nicht, um alle Infrastrukturfragen der Stadt in sechs Veranstaltungen zu lösen. Aber um ihre Verbindungen sichtbar zu machen. Um Verständigung zwischen unterschiedlichen Fachsystemen zu ermöglichen und um Menschen nicht nur miteinander sprechen, sondern miteinander weiterdenken zu lassen.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke eines gut gestalteten Fachdialogs. Er macht auch sichtbar, wer gemeinsam am Unsichtbaren arbeiten muss.

Auf der Bühne diskutieren Teilnehmende des Stadtforums. Sie wurden von der Seite fotografiert
Projektsteckbrief Stadtforum

Bis 2026 hat sich das Stadtforum gezielt mit den sichtbaren und unsichtbaren Infrastrukturen auseinandergesetzt, die die Funktionsweisen Berlins gewährleisten. Hier finden Sie alle Infos zu allen Veranstaltungen.

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