Partizipation braucht Design
In diesem Beitrag zeigen wir, wie Design als Werkzeug, Methode, Strategie und Kultur unsere Partizipationsprozesse nicht nur kommuniziert, sondern maßgeblich prägt und gestaltet.
Ob als Werkzeug, Methode, Strategie oder Teil einer Organisationskultur – Design ist ein Hebel für wirksame Beteiligung. Es schafft Zugänge, macht Ergebnisse nutzbar und erhöht die Wertschätzung für die Menschen, die mitwirken. Vor allem aber überzeugt es nachhaltig von der Kraft der Partizipation – und legt damit den Grundstein für eine Kultur, in der Beteiligung selbstverständlich wird.
Design als Werkzeug
Schon beim ersten Kontaktpunkt fällt die Entscheidung: Fühle ich mich angesprochen? Ist mir das Thema wichtig? Verstehe ich, worum es geht? Will ich mitmachen? Ob Einladung per E-Mail, Plakat im Bürgerzentrum, Anzeige in der Lokalzeitung oder Social-Media-Post – der erste Eindruck zählt. Um verschiedene Zielgruppen zu erreichen, sind unterschiedliche Kommunikationswege nötig. Während Jugendliche meist sehr gut über Social Media angesprochen werden können, schätzen Entscheidungsträger*innen aus der Politik formelle Einladungen per E-Mail.
Ebenso entscheidend wie der erste Eindruck ist eine durchgehende und einheitliche Gestaltung aller Kommunikationskanäle. Von dem Namensschild über die Onlineplattform bis zur Dokumentation – jedes Element eines Beteiligungsprozesses soll zugänglich, verständlich und vertrauenswürdig gestaltet sein. Dazu gehören eine durchdachte Informationsarchitektur, prägnante Visualisierungen, stimmige Farbwelten und eine zielgruppengerechte Sprache.
Ganzheitlicher Ansatz in Erfurt
Ein Beispiel für ganzheitliche visuelle Gestaltung ist der Beteiligungsprozess im Erfurter Südosten. Das von DDR-Großwohnsiedlungen geprägte Gebiet weist erhebliche städtebauliche und funktionale Defizite auf. Zu unseren Aufgaben gehörte es unter anderem, die Bewohnenden über die geplanten Veränderungen in ihrem Viertel zu informieren.
In diesem Projekt kooperierten wir mit einem lokalen Künstlerkollektiv aus Erfurt. Die Künstler*innen illustrierten die triste Betonmauer einer stark frequentierten Haltestelle großflächig mit lebendigen Farben und Formen. Wir konzipierten und gestalteten den informativen Teil der Ausstellung. Diese reichte von historischen Fotografien des Stadtteils über die Vorstellung des aktuellen Planungsvorhabens bis hin zu einer Zukunftsvision. Ein Selfie Point, an dem man sich selbst (zumindest fotografisch) in diese Zukunft beamen kann, ergänzte die Ausstellung. Durch die Wahl des Standorts wurden die Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule und zum Einkaufen über die Veränderungen in ihrem Viertel informiert. Neben dieser Maßnahme entwickelten wir weitere informative und partizipative Formate für den Stadtteil.
Gutes Design spricht Menschen aktiv an, gibt ihnen Orientierung und zeigt Wertschätzung für ihr Engagement. Ein von Anfang bis Ende gestalteter Prozess ermöglicht eine effizientere Zusammenarbeit und schafft die Grundlage, mehr Menschen auf unterschiedlichen Ebenen zu beteiligen. Daraus resultieren vielfältigere Perspektiven und spezifischere Ergebnisse.
Design als Methode
Design hört nicht bei der visuellen Gestaltung auf. Mit dem Einsatz von Designmethoden unterstützen wir Menschen dabei, neue Perspektiven einzunehmen, kreative Ideen zu entwickeln und gemeinsam tragfähige Lösungen zu erarbeiten. So besteht Beteiligung nicht ausschließlich darin, die eigene Meinung zu einem Vorhaben abzugeben. Unser Ziel ist es, die Beteiligten selbst zu Co-Designer*innen zu machen. Ihre Erfahrungen, ihre Lebensrealitäten und ihre Perspektiven, sogenannte Sticky Information (das Wissen, welches eng an den Lebensrealitäten der Beteiligten haftet und für externe Entscheidungsträger*innen oft unsichtbar bleibt), können aktiv in die Lösungsfindung einfließen.
Um zielführende Ergebnisse zu erzielen, ist es unerlässlich, eine geeignete Methodenauswahl zu treffen und passende Materialien zu gestalten. Diese sollten einerseits Struktur und Orientierung bieten, andererseits durch offene Fragestellungen zum Nachdenken anregen und kreative Freiräume ermöglichen.
Nimm Platz! Design im Reallabor
Das Reallabor „Schleifmühle macht Platz!“ in Ingolstadt zeigt, wie Beteiligung und Planung durch den gezielten Einsatz von Designmethoden unterstützt werden. Der Schleifmühlplatz ist der größte öffentliche Platz im Südwestviertel der historischen Altstadt, geprägt vor allem durch eine hohe Anzahl an Parkplätzen. Im Rahmen der Entwicklung eines nachhaltigen Mobilitätskonzepts für die Altstadt wurde der Platz zwei Wochen lang umgestaltet: Parkflächen wichen Rollrasen, Sitzgelegenheiten und kreativen Flächen. So entstand ein offenes Experimentierfeld – ein Ort, um Ideen unmittelbar zu testen und gemeinsam zu reflektieren.
Zentrales Element war die Ideenwerkstatt „Nimm Platz!“, in der Bürger*innen, Verwaltung und Fachleute zu Co-Designer*innen wurden. Mithilfe kreativer Methoden – etwa dem Live-Zeichnen von Ideen durch einen Illustrator, Sticker-Abfragen zu Wünschen und Bedarfen sowie partizipativen Spaziergängen – flossen die gelebten Erfahrungen, Perspektiven und Lebensrealitäten der Teilnehmenden aktiv in den Prozess ein.
Die Gestaltung von räumlichen Prototypen (Platzumgestaltung), haptischen Materialien (Sticker, Karten, Plakate) und dialogorientierten Methoden unterstützte es, Bedürfnisse sichtbar zu machen, Konflikte zu erkennen und gemeinsam Kompromisse zu entwickeln. Die Bürger*innen waren dadurch nicht nur Zuhörer*innen, sondern gestalteten ihre Umgebung aktiv mit.
Designmethoden unterstützen die Nutzer*innen dabei, ihre Erfahrungen und Bedürfnisse zu kommunizieren. Dabei wird von Beginn an mitgedacht, wie die Ergebnisse in eine belastbare Grundlage übersetzt werden können, auf der die weitere Planung aufbauen kann.
Design als Strategie
Strategisches Design betrachtet den gesamten Beteiligungsprozess systematisch. Ein Designprozess umfasst klassischerweise vier Phasen: Analyse des Problems, Neudefinition der Zielsetzung, Entwicklung von Lösungsansätzen und Umsetzung.
In jeder Phase können unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen. So können beispielsweise in der Analysephase Workshops oder Interviews dabei helfen, das Problem besser zu verstehen. In der Entwicklungsphase machen Prototypen erste Lösungen erlebbar, anhand derer Feedback eingeholt werden kann.
Wir bei Zebralog sind Expert*innen darin, digitale und analoge Methoden zu kombinieren, um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen – von direkt Betroffenen über Entscheidungsträger*innen bis hin zur breiten Öffentlichkeit. Strategisches Design ist dabei kein linearer Prozess: Iteration und Flexibilität sind zentral, um auf neue Erkenntnisse reagieren und Lösungen kontinuierlich verbessern zu können.
Co-Produktion in Cottbus
Ein praxisnahes Beispiel für ein solches mehrphasiges Beteiligungsverfahren ist das Projekt „Dein Cottbus der Zukunft“. Ziel war es, Kinder und Jugendliche nicht nur symbolisch zu integrieren, sondern sie als gleichwertige Akteur*innen in den Prozess der Stadtentwicklung einzubinden. Dazu gehörte, dass sie Teil des Organisationsteams wurden und eigenständig den digitalen Auftritt des Projektes mitgestalteten.
Um diese Zielgruppe in ihrer Alltagswelt zu erreichen, kombinierte das Verfahren digitale Tools und Gamification-Elemente. Zentrale Rolle spielte dabei das Computerspiel Minecraft, welches als niedrigschwellige Beteiligungsplattform fungierte. Ergänzt wurde dieser digitale Raum durch analoge Formate wie Zukunftswerkstätten und durch Online-Dialoge, digitale Meetups, einen Ideenwettbewerb und ein gemeinsames „Let’s Play“ mit dem Minecraft-YouTuber TheJoCraft.
„Dein Cottbus der Zukunft“ wurde von Beginn an als Modellprojekt konzipiert und bewusst so gestaltet, dass es als Blaupause für andere Städte und Kommunen dienen kann. Design unterstützt somit nicht nur den Projektverlauf selbst, sondern trägt auch im Transfer und in der Skalierung wesentlich zu einer zukunftsfähigen Beteiligungskultur bei.
Strategisches Design versteht Gestaltung als ganzheitlichen, iterativen Prozess, der Flexibilität, Beteiligung und klare Kommunikation vereint. Durch die gezielte Kombination und Weiterentwicklung verschiedener Methoden entstehen übertragbare und skalierbare Ansätze, die immer wieder genutzt werden können.