Beteiligung in der Mobilität: Wie Dialog Akzeptanz für Veränderung schafft
Interview zu unserem Fachbereich Mobilität und Verkehrsinfrastruktur
Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie Mobilität. Veränderungen im Verkehr greifen direkt in den Alltag ein – sie betreffen Gewohnheiten, Routinen und persönliche Freiheiten. Genau deshalb stoßen Mobilitätsprojekte häufig auf Widerstand, Skepsis oder offene Ablehnung.
Beteiligung kann hier Brücken bauen: zwischen Planung und Alltag, zwischen Strategie und konkreter Maßnahme. Bei Zebralog gestalten wir Beteiligung in Mobilitäts- und Infrastrukturprojekten so, dass Veränderung verständlich und erfahrbar wird. Im Interview erläutert Fachbereichsleiter Malte Steinbach, wie Beteiligung Akzeptanz schaffen kann, wo ihre Grenzen liegen – und warum Dialog ein zentraler Baustein für eine gerechte Verkehrswende ist.
Mobilität betrifft alle – und ist hoch emotional. Was ist der Kern des Fachbereichs bei Zebralog?
Mobilität ist ein Grundbedürfnis und prägt unseren Alltag – auf dem Weg zur Arbeit, in der Freizeit, im städtischen Leben. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Mobilität in ihrer heutigen Form an Grenzen stößt. Veränderte Bedürfnisse und auch der Klimawandel machen klar: Mobilität muss neu gestaltet werden.
Der Fachbereich Mobilität bei Zebralog schafft Räume, um über diese Transformation zu sprechen. Wir bringen die Bedürfnisse der Menschen mit den fachlichen und planerischen Anforderungen zusammen. Dabei verstehen wir uns als Schnittstelle zwischen Bürger*innen, Planer*innen und Verwaltungen, die häufig sehr technisch und in komplexen Prozessen agieren.
Unsere Aufgabe ist es, diese Komplexität zu übersetzen und Dialog zu ermöglichen. Wir schaffen Beteiligungsformate, in denen Menschen ihre Erfahrungen einbringen können – und sorgen dafür, dass diese Erfahrungen wieder in die Planungsprozesse zurückfließen. So entsteht Mobilität, die sich an realen Bedürfnissen orientiert und langfristig tragfähig ist.
Warum ist Beteiligung ein Schlüssel für die Verkehrswende?
Veränderungen in der Mobilität greifen direkt in den Alltag ein und stoßen deshalb oft auf Skepsis oder Widerstand. Beteiligung schafft hier Verständnis und macht Zielkonflikte sichtbar. Für uns ist sie kein Zusatz zur Fachplanung, sondern ein zentraler Bestandteil des Prozesses.
Beteiligung ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven frühzeitig einzubeziehen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die akzeptiert werden und Wirkung entfalten.
In Mobilitätsprojekten prallen oft Interessen hart aufeinander. Wie geht ihr mit Widerständen und Konflikten um?
Ein zentraler Ausgangspunkt ist, Konflikte anzuerkennen. Mobilitätsthemen sind komplex, und es gibt selten einfache Lösungen. Deshalb müssen Kommunikation und Dialog von Beginn an eng mit der Fachplanung verzahnt werden.
Wichtig ist, Dialogräume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen – nicht getrennt, sondern im Austausch. Das geschieht in Stakeholder-Dialogen ebenso wie in Bürgerräten oder aufsuchenden Formaten im Stadtraum. Wir gehen dorthin, wo Menschen sind, und kombinieren Vor-Ort-Formate mit Online-Dialogen.
Entscheidend ist ein breites Beteiligungsangebot, das Vielfalt sichtbar macht. Nur so wird echter Dialog möglich und eine gemeinsame Lösung überhaupt verhandelbar.
Strategien und Maßnahmen: zwei Ebenen der Beteiligung
Strategien setzen den Rahmen für die Mobilität der Zukunft, bleiben für viele Menschen aber abstrakt. Deshalb richtet sich Beteiligung hier häufig an Stakeholder und Expert*innen, etwa bei der ÖPNV-Strategie in Baden Württemberg, die wir über mehrere Jahre begleitet haben. Ziel war es, gemeinsam mit den Fachleuten und Interessenvertreter*innen wirksame Maßnahmen zu entwickeln – zum Beispiel zur Steigerung der Fahrgastzahlen und in der Folge zur Reduktion von CO₂-Emissionen.
Auf kommunaler Ebene werden Strategien greifbarer, etwa in Radverkehrskonzepten, Stadtbahnprojekten oder Nahverkehrsplänen. Hier ist es sinnvoll, Bürger*innen bei der Erhebung von Bedürfnissen und Problemen einzubeziehen.
Am konkretesten wird Beteiligung dort, wo sich der Straßenraum direkt verändert. Wenn Parkplätze wegfallen oder Straßen neu aufgeteilt werden, ist der Dialog vor Ort entscheidend. In Planungswerkstätten, Spaziergängen oder aufsuchenden Formaten fließt lokales Wissen in die Planung ein – oft mit großem Mehrwert.
Mobilitätsprojekte stehen oft unter Zeitdruck. Wie kann Beteiligung trotzdem Qualität sichern?
Gerade bei großen Infrastrukturvorhaben zeigt sich: Frühe und transparente Beteiligung verlangsamt Prozesse nicht, sondern kann sie beschleunigen. Wenn Menschen gut informiert sind und sich ernst genommen fühlen, sinkt die Zahl späterer Einwendungen.
Ein Beispiel ist das Hochstraßen-Projekt in Ludwigshafen, das Zebralog seit über zehn Jahren begleitet. Die kontinuierliche, offene Kommunikation hat dazu beigetragen, dass Planfeststellungsverfahren zügig verliefen und wichtige Meilensteine erreicht wurden. Beteiligung schafft hier Planungssicherheit.
Persönlich gefragt: Was reizt dich an Mobilitätsthemen – trotz der Konflikte?
Mobilität bewegt alle – und genau das macht das Thema so herausfordernd wie spannend. In Beteiligungsprozessen zeigt sich viel Leidenschaft: für Radverkehr, für einen starken ÖPNV, für soziale gerechte Mobilität.
Mich reizt die Aufgabe, Lösungen zu finden, ohne dass sich Konflikte verhärten. Mobilität hat ein hohes Spaltungs- aber auch Gestaltungspotenzial. Gerade deshalb ist es wichtig, Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen zu schaffen – auch in Städten mit begrenzten Flächen. Und: Mobilität lässt sich nie isoliert betrachten, sondern immer im Zusammenhang mit Stadtentwicklung.
Unsere Rolle ist es, diese Zusammenhänge verständlich zu machen und Dialogräume zu schaffen, in denen auch kontroverse Themen konstruktiv verhandelt werden können.