Daniela Riedel

Ein Zebra verlässt die Herde

Zum 1. Januar 2019 verlässt Daniela Riedel die Zebraherde und steigt als Gesellschafterin und Projektleiterin bei Zebralog aus. Zusammen mit Oliver Märker und Matthias Trénel gründete sie 2009 Zebralog. In den vergangenen zehn Jahren hat sie die Entwicklung von Zebralog an den Standorten Berlin und Bonn entscheidend mitgestaltet. Ihre Leidenschaft für Stadtentwicklungsdialoge hat sie dabei immer motiviert und auf andere übertragen. Sie will sich nun wieder stärker um inhaltliche Themen kümmern und fachlich weiterentwickeln. Dabei greift Sie auf Ihre Erfahrungen bei Zebralog – als Gesellschafterin und Planerin –  zurück und möchte sie in andere Strukturen transferieren und wirksam werden. Das Gespräch zwischen Daniela und ihren Gesellschafter-Kollegen Matthias und Oliver haben wir im Dezember 2018 aufgezeichnet. 


Oliver: Dani, höchste Zeit für einen gemeinsamen Rückblick - wo fängt eigentlich Deine Zebrageschichte an?

Daniela: Für mich fängt die Geschichte von Zebralog im Jahr 2003 an. Oh Gott, das ist ja schon über 15 Jahr her. Ich studierte damals Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und arbeitete beim Difu und bei City & Bits als studentische Mitarbeiterin. Mein erstes Projekt in dieser Zeit war das Beteiligungsverfahren zur Gestaltung des Berliner Alexanderplatzes. Durch dieses Projekt, das übrigens mein erstes elektronisch unterstütztes Beteiligungsverfahren war - und eines der ersten in Deutschland - lernte ich alle anderen Zebras kennen. Hans Hagedorn war seinerzeit Projektleiter bei City & Bits.  Mit ihm zusammen überlegten wir uns ein Gesamtkonzept für die Beteiligung, um Nutzungsanforderungen der Bürger*innen an die Platzgestaltung vor Ort und im Netz strukturiert einzufangen. Da es ja damals noch keine Software für Bürgerbeteiligung, geschweige denn Blogs oder Social Media, auf dem Markt gab, kooperierten wir mit dem heutigen Fraunhofer-Institut IAIS und nutzten deren Software. Wie hieß die noch gleich?

Oliver: Zeno. Ein „Issue Based Information System“ zur Unterstützung strukturierter, auf Argumentation basierender Dialoge. War für den normalen Bürger viel zu kompliziert, aber dennoch spannend.

Daniela: Ja genau, Zeno. Und dadurch lernten wir uns kennen. Du warst ja bei Fraunhofer wissenschaftlicher Mitarbeiter und hast zum Thema Online-Mediation deine Doktorarbeit geschrieben. Damals lernte ich auch deine Kollegen Annika Poppenburg, Andreas Klotz und Tom Gordon kennen. Ebenfalls Zebras der ersten Stunde. Matthias, wir beide haben uns ebenfalls durch das Alexanderplatzprojekt kennengelernt, stimmt's?

Matthias: Ja, richtig. Ich hatte zusammen mit Hans und Oliver schon erste elektronische Bürgerbeteiligungspiloten begleitet und online moderiert. Ich war beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) tätig und beschäftigte mich dort mit möglichen Auswirkungen computervermittelter Kommunikation im Rahmen von Bürgerbeteiligungen. Daher kam ich hier als Online-Moderator ins Spiel. 

Viel Experimentieren und Learning-by-Doing

Daniela: Online-Dialoge und Online-Moderation waren ja damals noch völlig neu. Es gab nur wenige Erfahrungen. Das war viel Experimentieren und Learning-by-Doing! Wir saßen damals quasi rund um die Uhr vor den Bildschirmen und fieberten jedem einzelnen Bürgerbeitrag entgegen. Oft haben wir gemeinsam überlegt, wie wir unsere Moderationsbeiträge formulieren, wie wir den konstruktiven Dialog unterstützen können oder auf Regelverstöße reagieren. In dieser Zeit haben wir auch die ersten Spielregeln für Online-Dialoge geschrieben, die mittlerweile zum Standard für alle geworden sind. 
In dieser Zeit ist auch die Idee entstanden, den Zebralog e.V. zu gründen, um unsere Kompetenzen zu bündeln, elektronische Demokratie in Deutschland zu entwickeln und gemeinsam Bürgerbeteiligungen umzusetzen. Annika, Andreas, Tom, Hans und wir drei waren also die ersten sieben Zebras und damit bereits groß genug, um Zebralog e.V. gründen zu können.

Mitfiebern beim Halbzeitforum Berliner Mitte | Bild: Jörg Farys/ dieprojektoren.de
Mitfiebern beim Halbzeitforum Berliner Mitte | Bild: Jörg Farys/ dieprojektoren.de

Oliver: OK, das war 2003. Was ist in der Zwischenzeit passiert, Dani? Welche weiteren Highlights gab es für Dich?

Daniela: Hans, Matthias und ich haben kurz darauf das erste Zebralog-Büro in der Voltastraße in Berlin eröffnet, Du kurz danach unser Büro in der Bonner Adolfstraße. In beiden Büros herrschte Pionierstimmung und wir führten Grundsatzdebatten über die Demokratieförderung im digitalen Zeitalter. Das sind Themen, die ja auch heute noch immer aktuell sind. In dieser Zeit habe ich viele spannende Projekte in Berlin umgesetzt, die mich und  Zebralog geprägt haben – ich denke da insbesondere an den Masterplan „Kulturforum“ 2004 und die Bürgerbeteiligung zum Park am Gleisdreieck . Hier begleiteten wir das Wettbewerbsverfahrens mit einer Online-Beteiligung und zeigten, wie durch die Verknüpfung von Vor-Ort- und Online-Formaten viele Menschen und Anwohner*innen erreicht und eingebunden werden. Aber auch, wie Wettbewerbsverfahren offener und demokratischer gestaltet werden können. Heute ist der Park am Gleisdreieck einer der schönsten neueren Parks in Berlin, und es bleibt bei mir das Gefühl, wirksam gewesen zu sein und Ergebnisse der Beteiligung umgesetzt zu sehen! 

Matthias: Und es kamen immer mehr Dialog-Projekte dazu. Plötzlich war der Markt da, an den wir immer geglaubt hatten, so dass wir drei uns dann 2009 entschieden, den Verein als Unternehmen weiterzuführen. Hans ging zu DEMOS, die anderen Fraunhofer-Zebras Annika, Andreas und Tom waren ja bereits vorher andere Wege gegangen. 

Werde ich stark vermissen: Offene Teamkultur - und eine selbstgewählte Familie!

Daniela: Ich erinnere mich noch gut an unsere Zebralog-Klausur im Teutoburger Wald! Hier legten wir nach intensiven Diskussionen den Grundstein: Wir wurden vom e.V. zur Zebralog GmbH & Co. KG, eröffneten unser neues Büro in der Lokfabrik in Mitte und es dauerte nicht lange, bis die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu uns kamen und wir langsam aber stetig größer wurden, an beiden Standorten, in Berlin und in Bonn. Und die meisten unserer „frühen Zebras“ wie Franziska, Maria, Christina, Katja, Nina, Stephan, Jan, Sebastien oder Michelle sind immer noch Teil unserer nun doch recht großen Herde – das freut mich ganz besonders! Schön, wie wir uns alle zusammen entwickelt haben und Teil einer offenen und vertrauensvollen Unternehmenskultur sind. Bei Zebralog schätze ich diese flachen Hierarchien, die vielfältigen Teams. Was nicht selbstverständlich ist: Wir sind Gesundheit und Umwelt verpflichtet und pflegen eine konstruktive Dialogkultur. Eine große und selbstgewählte Familie! Darauf können wir sehr stolz sein. Und das werde ich stark vermissen. Aber als Menschen und Gruppe geht ihr mir ja gottseidank nicht verloren;-)

Oliver: Und in zehn Jahren haben wir wirklich sehr viele spannende Projekt umgesetzt. In Deiner Zeit als Mitgesellschafterin: Was waren hier für dich besondere Projekte?

Daniela: Ich denke zuerst an das Kommunikations- und Beteiligungskonzept „Dresdner Debatte“ (2010), das wir zusammen mit Sally Below umsetzten und lernten, wie stark auch Kommunikation und Beteiligung zusammen gedacht werden muss – hier haben wir das Prinzip Crossmedialität noch einmal auf eine ganz neue Ebene gehoben. 
Spontan fällt mir auch die immer anspruchsvolle (und humorvolle) Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der Stadt München ein, mit denen wir das Projekt München mitdenken! umgesetzt haben. Sie ist jetzt wieder als kontinuierliche Transparenzplattform neu in Szene gesetzt. 

Ein Herz für München Mitdenken!
Ein Herz für München Mitdenken!


Ach ja, ein besonderes Highlight ist für mich auch die gesamtstädtische Debatte Alte Mitte -  neue Liebe? mit unserer Geschäftsstellentätigkeit in der Berliner Mitte, wo wir mit einem wahren Beteiligungsfeuerwerk in kurzer Zeit relevante Ergebnisse produziert haben und mit vielfältigen Stimmen eine langfristig und tragfähige Entscheidung vorbereitet haben: die Freihaltung des Platzes zwischen Fernsehturm und Spree. Hier war die Ergebnisoffenheit und das Vertrauen in Bürgerbeteiligung aufseiten des Landes Berlin mitentscheidend. Denn so wurden Experimente möglich: partizipatives Theater oder systemisches Konsensieren mit TED-Voting, um Konsense herausarbeiten. Hinzu kam eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, dem Projektteam der Senatsverwaltung und den stadtentwicklungspolitischen Sprechern im Abgeordnetenhaus sowie dem Kuratorium Berliner Mitte. Wir konnten ein „idealtypisches“ Verfahren durchführen! Darf ich noch ein Projekt nennen?

Oliver, Matthias: Klar!

Blankenburger Süden, Berliner Mitte, Park am Gleisdreieck: Wirksam sein

Daniela: Das Neubauprojekt Blankenburger Süden in Kooperation mit Frauke Burgdorff, in dem wir an der Beteiligung beteiligten. Partizipative Konzeptentwicklung – eine schöne Herausforderung, die wir zusammen mit dem Projektteam der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen angegangen sind. Und die uns auch „schwierige“ Konfliktlinien aufgezeigt hat. Um Wohnungsnot zu bekämpfen, braucht es neue Flächen. Wenn diese auf landeseigenen Kleingarten- oder Landwirtschaftsflächen umgesetzt werden sollen, sind Interessenskonflikte vorprogrammiert. Das Gemeinwohl und das private Wohl sind nun mal verschiedenen Perspektiven. Konkrete Betroffenheiten, Abhängigkeiten von der Verkehrsplanung oder Bodenpreissteigerungen – all das wirkt sich auf Existenzen und Planungsprozesse aus und muss verhandelt werden – mal öffentlich, mal in geschlossenen Kreisen.

Bürgerwerkstatt im Blankenburger Süden | Bild: Jörg Farys/ dieprojektoren.de
Bürgerwerkstatt im Blankenburger Süden | Bild: Jörg Farys/ dieprojektoren.de

Oliver: Zebralog ist mittlerweile ein Unternehmen mit 2 Standorten und 40 Mitarbeiter*innen. Dani, wir haben wirklich viel zusammen erreicht! Nun verlässt Du uns aber im neuen Jahr 2019. Was sind Deine Hauptbeweggründe? Matthias und ich wollen und werden zusammen mit unserer Geschäftsführerin Janett Kalina hier mit Volldampf weitermachen und Zebralog weiterentwickeln. Was willst Du uns mit auf den Weg geben?

Daniela: Ich habe mich entschieden, noch mal was Neues zu wagen und nach mehr als 10 Jahren Prozessen und Beteiligung mich vor allem fachlich weiterzuentwickeln, also den Fokus weg von der Prozessgestaltung hin zu mehr Stadtplanung. Ich will so neue und „kreative Freiräume“ gewinnen. Und um mir diesen Perspektivenwechsel zu ermöglichen, steige ich als Gesellschafterin bei Zebralog aus. Ihr wisst es ja: Ich habe diese Entscheidung natürlich nicht leichtfertig getroffen. Schließlich gebe ich ein funktionierendes und wachsendes Unternehmen mit besonderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer unzähmbaren Unternehmenskultur, großartiger Teamarbeit und spannenden Projekten auf. Aber manchmal muss man an der einen Stelle loslassen, damit sich was Neues entwickeln kann!  Also: Bleibt unzähmbar, kämpft für die Demokratie und behaltet euren Qualitätsanspruch! Lebt die offene und verantwortungsvolle Unternehmenskultur weiter! Behaltet das Gespür für die Menschen und Innovationen. Bei den vielen Projekten: Bleibt experimentierfreudig und probiert neue digitale Tools und mobile Dialogräume aus. Setzt aber dabei auch auf direkte Gespräche. Ich unterstütze euch, wo ich kann und auf meine eigene „Dani-Weise“. 

Matthias: Dani, wir wünschen Dir für deinen neuen Weg alles Gute und viel Erfolg! Wir freuen uns, wenn wir neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit finden. Dann unter neuen Vorzeichen und in neuen Konstellationen :-)

Dani: Ja, das machen wir. Ich freue mich auf die neuen Zeiten!
 

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