Virtuelle Workshoplandschaft

"Analog endgültig tot?"

Zur Zukunft der Bürger*innenbeteiligung. Unser Workshop bei der re:publica 2021
 

Wanderschuhe an, Brennholz gesammelt und Landkarte geschnappt – wir begeben uns auf einen Streifzug durch 14 Monate digitaler Partizipation unter Pandemiebedingungen. Unser Ziel: Ein Ausblick in die Zukunft. Was wollen wir von unseren vorwiegend digitalen Erfahrungen für künftige Beteiligungsprozesse mitnehmen?

Ausgestattet mit Videokonferenztool und kollaborativer Workshop-Landschaft arbeiten wir mit 55 Teilnehmer*innen bei der re:publica 2021 an dieser Frage. Viele von ihnen sind Praktiker*innen. Gemeinsam lassen wir das „Beteiligungslabor“ der letzten Monate Revue passieren. Dafür haben wir fünf Thesen mitgebracht, die wir - angelehnt an eine Zukunftswerkstatt - in Kleingruppen erkunden.  

5 Thesen zu Beteiligung unter Corona

Steile Thesen1. Es braucht künftig echte Anreize und Argumente für Vor-Ort-Beteiligungsformate, denn Online-Beteiligung ist für fast alle Fälle eine gute Alternative.
 

Viele Vorbehalte gegenüber digitaler Beteiligung sind weggefallen, eine Vielzahl digitaler Formate und Methoden inzwischen erprobt. Wir haben erlebt, was durch den Schub der Digitalisierung im kollaborativen Zusammenarbeiten möglich ist: eine höhere Disziplin der Teilnehmenden, kürzere Diskussionen und ein erfahrungsgemäß effizienteres Arbeiten. Zudem ist es gelungen, viele klassisch-analoge Formate, wie beispielsweise eine Fishbowl-Diskussion ins Digitale zu übertragen. Auch wenn dabei zum Teil neue Stolpersteine entstanden sind.
Gleichzeitig beobachten wir eine „digitale fatigue“. Digitale Pinnwände, Handheben und Kleingruppenräume – kommt da noch jede*r mit? Die Praxis zeigt, dass ein produktiver digitaler Beteiligungsraum für die Veranstalter*innen nicht weniger, sondern mindestens gleich viele Ressourcen braucht. Und oftmals können die digitalen Formate die analogen nicht ersetzen.
Es bleibt offen: Stürzen wir uns gerade in ein Ausprobieren von Formaten und Methoden und das Ziel der Beteiligung bleibt auf der Strecke? Ist „simple“ am Ende doch „the best“?

2. Die Menschen wünschen sich persönlichen Austausch und informelle Gespräche, alle sehnen sich nach vor Ort. Das Digitale kann diese Atmosphäre nicht ersetzen.
 

Trotz Hygiene-Bar, Turnhallen-Atmosphäre und Abstandsbanner sind wir doch sehr dankbar für analoge Veranstaltungen, oder? Klar, das Verständnis für die Vorteile von digitalen Formaten ist mittlerweile generationenübergreifend da.
Aber dem digitalen Zusammenkommen fehlt es oft an Atmosphäre und Dynamik. Und das Netzwerken nach der Veranstaltung klappt mit Häppchen und Sekt einfach besser. Es ist gut, dass die neuen Formen der Zusammenarbeit Öffentlichkeitsbeteiligung aus dem Wohnzimmer heraus möglich machen. Noch besser zu sehen, wie räumliche Distanzen irrelevant werden und so auch der Reiseaufwand deutlich reduziert werden kann.
Aber ist die Podiumsdiskussion vom Küchentisch aus wirklich alltagstauglicher?

3. Wer wir sind, spielt bei digitalen Formaten der Partizipation keine Rolle mehr. Digitaler Austausch befördert Diskussionen auf Augenhöhe.
 

Die digitale Videokonferenz bringt ganz unterschiedliche Menschen zusammen, beispielsweise Jugendliche mit Wissenschaftler*innen, Politiker*innen mit Menschen aus der Nachbarschaft. Alle sitzen am eigenen Schreibtisch, alle haben mit ähnlichen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Und die Redeliste oder die Handhebefunktion kennen keine Hierarchien. Wird also im digitalen Raum eher auf Augenhöhe diskutiert?
Aber wir haben Menschen mit stärkerer Präsenz auch im Digitalen erlebt. Und die Zugangsbarrieren, wie technisches Know-How und zeitliche Ressourcen, sind bisher nicht abgebaut.
Sind die Karten nur anders gemischt und der digitale Diskurs weniger konfrontativ?

4. Corona hat die Zugänge zu Partizipation neu verteilt: Was der Onlineschub für manche ermöglicht, nimmt anderen die Zugangschancen.
 

Verlieren die “Boomer” jetzt ihre Dominanz? Durch digitale Bürgerbeteiligung konnten neue Zielgruppen erreicht werden. Vor allem jüngere Menschen sind in Beteiligungsprozessen nun stärker vertreten.
Zugleich sind aber neue Teilnahmehürden, z.B. durch Sprache oder technische Herausforderungen entstanden. Auch nach 14 Monaten Pandemie ist im Bereich der Barrierefreiheit von digitalen Veranstaltungen noch viel nachzubessern, denn das gemeinsame Arbeiten muss offener werden und darf niemanden ausschließen. Das Überwinden dieser Zugangshürden bleibt als Herausforderung für digitale Veranstaltungen bestehen – die neuen Formate sind hier kein Gamechanger.

5. Transparente, Stinkbomben und Protestgesänge - Unmutsäußerungen oder gar ziviler Ungehorsam finden im konzentrierten, zielorientierten Onlinedialog seit Corona nur selten statt. Auch Protestformen müssen sich digital neu erfinden.
 

Konstruktive, zielorientierte Diskussionen und eine hohe Disziplin bei den Teilnehmenden sind der Brennstoff für effiziente Veranstaltungen.
Aber wie wirkt sich der digitale Raum auf unsere Diskursqualität aus?
Auf der einen Seite gibt es weniger Bezugnahme aufeinander, wir diskutieren eher in Statements. Auf der anderen Seite hat sich gezeigt: auch digital kann es heiß her gehen, denn sensible und kontroverse Punkte sollen schließlich weiterhin thematisiert werden. Allerdings geht uns im digitalen Austausch vieles an nonverbaler Kommunikation verloren. Und der Transport von Emotionen durch den Bildschirm ist schwer. Auch wenn die Konflikte im Digitalen deutlicher ausgesprochen werden müssen, gehören sie zu konstruktiven, partizipativen Prozessen dazu.  
Braucht es für Unmut also neue Formate?

Was soll gute Beteiligung zukünftig leisten können?

Der Austausch zu diesen Erfahrungen und Thesen führen uns in der Workshop-Landschaft über Bergspitzen, an Meilensteinen vorbei und durch das ein oder andere Tal. Welche Potenziale hat das Digitale gezeigt? Wir nutzen die Methodik der „flammenden Rede“ und formulieren unsere Forderungen und Wünsche an zukünftige Beteiligung. Welche Erkenntnisse wollen wir in die Zukunft mitnehmen? – eine Zusammenfassung.

Die Pandemie hat unsere Expertise bei neuen, aber auch bewährten Beteiligungsformate vertieft und die Neugier auf weitere methodische Innovationen geschürt. Zukünftige Bürger*innenbeteiligung profitiert von dieser wirkungsvollen und etablierten Methodenvielfalt. Dabei gehen digitale und analoge Formate Hand in Hand.
Wir haben aus der digitalen Beteiligung gelernt und auch in analogen Formaten verstärkt den egalitären Austausch gefördert. Es gelingt uns immer besser, Formate so zu gestalten, dass alle Zielgruppen die Möglichkeit haben, sich einzubringen.

Unsere digitalen Räume sind inzwischen so gesichert, dass Menschen sich ohne Sorge beteiligen können. Dafür sorgt allen voran der Schutz der individuellen Daten. Mit Serverstandorten in Europa.

Da wir erlebt haben, welchen Zugewinn an Transparenz wir durch offen gestaltete, digitale Beteiligung erreichen konnten, setzen wir uns dafür ein, dass Beteiligungsprozesse auf Bundes- und Landesebene künftig immer auch digital verfolgbar sind. Das ermöglicht vielen Initiativen, Projekten und anderen Akteuren, auch ohne Reiseaufwendungen teilzuhaben.  

Teilnehmer*innenDie Bestandsanalyse und der Blick in die Zukunft haben gezeigt, dass uns die Erfahrungen aus dem Beteiligungslabor der Corona-Pandemie mutig nach vorne gehen lassen: Für mehr Beteiligung, Inklusion und wirkungsvolle Partizipation. Beteiligung darf und soll noch viel mehr Spaß machen. Dafür wollen wir weiter experimentieren und uns austauschen. Denn: wir sind noch lange nicht am Ende unsere Expedition.
 

Zebralog bedankt sich bei allen Teilnehmenden des Workshops für den offenen Austausch und die Diskussion. Kommentare und Ergänzungen zu diesem Beitrag sind ausdrücklich erwünscht. Eine Fortsetzung der Diskussion an anderer Stelle ist angedacht. Lassen Sie uns via kommunikation@zebralog.de wissen, wenn Sie daran interessiert sind!